Zukunftswerkstatt

Im Herbst 2019 fand eine Reihe mit vier Veranstaltungen im Zeitraum von 23. Oktober bis 3. Dezember im Rahmen des Projekts Kulturelle Bildung und Demokratieförderung auf dem Lande KuBi:Land in Form einer Zukunftswerkstatt für Jugendliche und Erwachsene in der Grundschule Mosaik in Borod sowie in der Kita Purzelbaum in Wahlrod statt.

Den Anfang machten zwei abendliche Lesungen in der Kita in Wahlrod am 23. und am 30. Oktober 2019. Zwei Schüler der Schauspielschule „Der Keller“ in Köln lasen aus dem Jugendroman „Hüter der Erinnerung“ von Lois Lowry. In dem Roman geht es um eine durchorganisierte und kontrollierte Welt, in der der Junge Jonas eine besondere Aufgabe erfüllen muss, was er zum Anlass nimmt, zunächst Stück für Stück die Wahrheit hinter der Fassade zu entschlüsseln und schließlich aus dieser Welt auszubrechen.

Das Publikum, Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer, Kita- und Schulleitungen, ein junger Erwachsener und weitere Erwachsene wissenschaftliche Begleitung würdigten die Lesungen mit hoher Aufmerksamkeit und Beifall. Sie bedankten sich für das gute Ambiente samt Catering und beteiligten sich am Ende in einem emotionalen Austauschgespräch und notierten in einer Feed-back-Aktion Stichworte:

Totale Kontrolle // Unwissenheit // Unstillbare Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit // atemraubend //

nicht Wissen // WÄRME // bedrängend //erwartet werden // Gleichheit // Liebe // Hoffnung // Gefühle// über die Dinge hinaus hören

Der Moderator und Projektleiter Daniel Diestelkamp und die wissenschaftliche Projektbegleiterin Kordula Marzinzik bedankten sich bei Publikum und Lesenden. Die Teilnehmer*innen wünschen sich eine Fortsetzung von Lesungen, auch für jüngere Altersstufen. In den Wochen nach den Leseabenden wird das Buch unter den Erzieher*innen weitergereicht und vielfach gelesen. Es entwickelt sich zum Renner in den Einrichtungen.

Am 20. November und am 3. Dezember fanden dann zwei Abende in der Grundschule Mosaik in Borod zum Thema „Wie wollen wir leben?“ statt.

An beiden Abenden waren jeweils Referenten und Künstler geladen, die der Diskussion und den Arbeitsgruppen Impulse für sehr rege Austauschrunden in Kleingruppen und im Forum lieferten.

Am 20.11. eröffnete zunächst Herr Thomas Zellmer vom Institut „Stadt-Land-Plus“ mit einem Vortrag über „Perspektiven ländlichen Lebens im 21. Jahrhundert“ den Abend. Herr Zellmer zeigte im Bereich Leben auf dem Lande ebenso Negativentwicklungen der letzten Jahre wie auch verschiedentliche positive Beispiel von Entwicklungsprojekten und -Prozessen auf.

In den aus dem Vortrag erwachsenen Arbeitsgruppen wurden im weiteren Verlauf zahlreiche Gedanken, Vorschläge und Anregungen zu den vier Fragen „Was gefällt mir am Leben in meinem Dorf?“ – „Was fehlt mir?“ – „Was macht mir Sorgen?“ und „Wovon träume ich?“ gesammelt.

Notizen aus den gemeinsamen Diskussionen:

Einigen ist die Beteiligung an konkreten Initiativen, wie bspw. „Plastikfreies Hachenburg“ wichtig.

Für das Leben auf dem Land wird vor allem das naturnahe Aufwachsen von Kindern als Vorteil genannt. Einige kehren später als Erwachsene wieder zurück (Bsp. eine TN)

  • Man lässt uns hier „verhungern.“ Durch Wegfall von Infrastruktur; Individualisierung, Abhängigkeit vom Auto, um etwas zu erleben oder Einkaufsmöglichkeiten zu haben
  • „Wer früher in die Wirtschaft ging, hängt heute im Internet.“
  • „Es wäre schön, wieder Orte zu schaffen, wo man sich dreckig machen kann. Z.B. Werkstätten zu öffnen.“
  • Positive Erfahrungen in der Kleinstadt, gute kulturelle Angebote.-„Was Heimat ist, merke ich, wenn ich beim Einkaufen Menschen treffe, die ich kenne.“
  • „Inform“ – mit der Post verteiltes lokales Blättchen, ist wichtig und bekannt, wird von Jugendlichen genauso intensiv gelesen wie Instagram, hier gibt es Infos zu Geburtstagen, Wohnungen, Initiativen, Kulturveranstaltungen. Der Bürgermeister erhält oft Rückmeldungen zu Anzeigen im Inform
  • Es gibt eine Sehnsucht nach regionaler Verbindung,
  • Das Leben wird anonymer, früher war mehr Miteinander, ältere Menschen sind mehr isoliert.
  • Der angebotene Seniorentreff wird von einer festen Gruppe (=die über 80jährigen) besucht, die 70jährigen fühlen sich dem nicht zugehörig.
  • Wohnungspolitik: Rapide gestiegene Preise, ist das noch gerechtfertigt?
  • Es braucht neue Ladenrezepte wie z.B. einen fahrbaren Tante-Emma-Laden: Läden werden zugemacht, weil sie keine Nachfolger haben.
  • Klimawandel: Zurück zu Versorgergemeinschaften
  • Filmtipp über kulturelle Bildungsprojekte „wie du mich bewegst“ (vimeo bkj), Thema selbst Verantwortung übernehmen

Um die von den TN eingebrachten Themen weiter zu entwickeln, wird gewünscht, dass es nicht bei dieser Veranstaltungsreihe bleibt und eine Fortführung erst im nächsten Herbst stattfindet.

Die zusammenfassende Randnotiz von Herrn Zellmer schließen den Bogen zum Projekt KuBi:Land:

‚“Das Leben im Dorf ist für Kinder toll, für Jugendliche ´ne Katastrophe.“ Darum: Kinder bis zum Beginn der Jugendzeit mitnehmen und zeigen, dass sie das Dorf mitgestalten können. Wer sich einbringt, kann etwas bewirken!

Der Abend 3. Dezember 2019 stand unter dem Thema „Wie wollen wir leben in Kita und Schule?“

Der Schauspieler, Regisseur Michael Dick und die Musikerin und Performancekünstlerin Irmgard Himstedt setzten an diesem Tag die Impulse, die neben der lebendigen Beschäftigung mit Kinderperspektiven auf Erwachsenensicht und Erwachsenenperspektiven auf Kindersicht auch den Bogen zur Idee der Landkulturschule und der Kulturellen Bildung schlagen konnte. Projektleiter und Moderator der Zukunftswerkstatt Daniel Diestelkamp konnte in einem kleinen Referat diesen Kontext noch einmal zusammenfassen. Frau Himstedt, Herr Dick und Herr Diestelkamp rezitieren szenisch aus der Kafka-Erzählung „Josephine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“.

In den zwei Arbeitsgruppen werden wiederum vier Fragen behandelt: „Was läuft schon gut in meiner Kita/Schule?“ – „Was fehlt?“ – „Was macht mir Sorgen?“ – „Wovon träume ich?“

Notizen aus den gemeinsamen Diskussionen:

In der Diskussion spielt die Frage: „Was ist los mit dieser Gesellschaft?“ eine zentrale Rolle. Die Fragen nach dem Verlust von Verantwortungsbewusstsein und der thematisierten wachsenden Unfähigkeit zum selbstständigen Denken rückt in den Mittelpunkt.

Als positive Momente werden erwähnt:

  • Naturnähe von Schule und Kita
  • Beide Einrichtungen sind offen für externe Angebote und offen für Veränderungen
  • Überschaubarkeit, Transparenz und gute Öffentlichkeitsarbeit über das Mitteilungsforum „Inform“

Vermisst werden:

  • Produktiver Dialog und Austausch mit Eltern
  • Personal
  • Räumlichkeiten

Sorgen machen:

  • Einfluss neuer Medien
  • Manchmal fehlende Wertschätzung der pädagogischen Arbeit
  • Aufmerksamkeits- und Ausdauerverlust. Konsumorientiertheit und Sättigung
  • Verlust an eigenständigem Denken
  • Verantwortung wird manchmal zu sehr abgegeben

Wünsche:

  • Mehr sinnliche Kompetenzorientierung
  • Immer ein(e) Künstler*in in jeder Klasse/Unterrichtsstunde
  • Unterstützung durch Schulsozialarbeiter*innen
  • Mehr Naturnahe Projekte
  • Elternpatenschaften

Die TN wünschen sich die Fortsetzung der Zukunftswerkstatt. Die Beteiligung der Eltern an den Veranstaltungen von KuBi:Land müsse als nächstes im Mittelpunkt stehen. Dies solle am ehesten über die Angebote für Kinder geschehen. In diesem Zusammenhang wird auch der Vorschlag zur Durchführung einer Zukunftswerkstatt für Kinder herausgehoben.

Die Projektleitung stellt die Einrichtung einer website und eines digitalen Forums in Aussicht.

Für die Fortsetzung der Zukunftswerkstatt wird auch eine Beschäftigung mit zwei Themenfeldern aus der lecture-performance von Michael Dick gewünscht:

  • Überlegungen zur Entwicklung des Gemeinwohls im Dorfleben an Hand eines Aufsatzes über die Javanische Weltanschauung von Franz Magnis-Suseno („Javanische Weisheit und Ethik“)
  • Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel an Hand des Buches „Im Bann der sinnlichen Natur“ von David Abram“.

Teilnehmer*innen der beiden Zukunftswerkstatt waren Lehrer*innen und Erzieher*innen, Künstler, eine Goldschmiedin, Eltern und ein Ortsbürgermeister.

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